Ein Abenteuer aus dem kirgisischen Tian Shan

Mit Sorge im Blick schauen Basti und ich auf Sebastian zurück. Lethargisch trabt er mit seinem Fahrrad auf dem Rücken gute zweihundert Meter hinter uns. Die ganze letzte Nacht hindurch erbrach er sich – das erste Mal in Ermangelung einer Alternative direkt in unseren einzigen Kochtopf, um Zelt und Schlafsäcke nicht zu versauen. Fraglich, ob er dabei die Prioritäten richtig gesetzt hat.

Jedenfalls ist es wenig verwunderlich, dass uns am Morgen die Konsistenz von Porridge in ausgerechten diesem Topf nicht besonders zusagte. Außerdem verflüssigte ein heftiger Regenfall während des Aufstiegs am Vortag all unseren schlecht verpackten Zucker. Es gab also lediglich Wasser mit Haferflocken. Gelinde gesagt kein idealer Beginn für die bevorstehenden zweitausend Höhenmeter reine Tragestrecke. Aber ich habe mich ohnehin schon damit abgefunden, dass wir unser Vorhaben abbrechen werden müssen. Schließlich hat Sebastian am Morgen vielmehr Ähnlichkeit mit einer Leiche, als mit einem lebedingen Menschen. Ein weiterer Ruhetag war nicht denkbar, da der Flieger in die Heimat nicht warten würde. Aber er blieb ohnehin stur, zwang sich zwei Löffel “Porridge” in den Mund und versicherte, den Aufstieg wagen zu wollen.

Wir befinden uns in Kirgistan. Genauer gesagt südlich von Karakol, mitten im Terskej-Alatau Gebirge, wo wir einen beinahe viertausend Meter messenden Gipfel oberhalb des Alaköl-Sees besteigen wollen. Der Gipfel trägt scheinbar keinen Namen, weshalb wir hoffen, die Ersten zu sein. Ein steiler, teilweise nervtötend zugewachsener Pfad führt entlang eines Flusslaufes bergauf. Ständig verhakt sich irgendein Ast oder Strauch in den Rädern, was die ohnehin angespannte Stimmung nicht gerade hebt. Sebastian ist kreidebleich im Gesicht, weshalb mein schwacher Glaube daran, dass er diesen Aufstieg schafft, zunehmend schwindet. Immer wieder legt er sich flach auf den Boden, als wäre er bereit den Erschöpfungstod zu akzeptieren.

Vier Tage wird die ganze Unternehmung benötigen, weshalb samt Essen, Ausrüstung und Fahrrädern jeweils in etwa dreißig Kilogramm auf unseren Schultern lasten. Das Ganze verpackt in dreißig Liter Rucksäcken und unhandlichen Gepäckrollen an unseren Lenkern sorgt nicht für idealen Tragekomfort. Mein Selbstmitleid schwindet jedoch etwas, als wir zwei Highliner aus Deutschland treffen, die samt Steinbohrer und Kletterequipment jeweils vierzig Kilo schleppen. Leichter wird es dadurch aber auch nicht.
Auf Grund des miserablen Frühstücks und der mangelnden Versorgung unterwegs, spüre ich zunehmend, dass ich auf meine Belastungsgrenze zusteuere. Je näher ich dieser allerdings komme, desto meditativer geht es voran. Immer weiter driften meine Gedanken vom eigentlichen Aufstiegsprozess ab. Wie ein Trommel spielender Sklaventreiber peitscht ein hoher Wasserfall auf riesige Felsen. Es entsteht ein dumpfer Takt, dem sich meine Schrittgeschwindigkeit unterbewusst anpasst. Meine Füße gleiten daher beinahe unbemerkt aneinander vorbei. Alles funktioniert automatisch, es schwirren ausschließlich die vergangenen vier Wochen durch meinen Kopf.

Um sechs Uhr morgens kamen wir in Bischkek, der Hauptstadt Kirgistans, an. Entsprechend gerädert überforderte uns der hektische Großstadtrummel, weshalb wir noch am selben Tag das Weite suchten. Auch wenn in Kirgistan gerade einmal fünfeinhalb Millionen Menschen leben, scheinen in Bischkek mehr Autos zu verkehren als am Big Apple. Außerdem wird aggressiver gefahren und mehr gehupt. Verdutzt standen wir minutenlang an einer Kreuzung, ohne dass auch nur einmal die schrille Komposition aus verschiedenen Hupen verstummte.
Einige Stunden außerhalb der Stadt finden wir einen Schlafplatz an einem Flusslauf. Es ist ein ganz und gar traumhafter Schlafplatz, der nur von einem Wehrmutstropfen getrübt wurde – Müll. Einige Menschen hatten sich hier zum Essen versammelt und warfen ausnahmslos ihre Hinterlassenschaften in den Fluss. Von Plastiktüten, über Gasflaschen und Autoreifen war beinahe alles vorhanden. Einmal beobachten wir sogar, wie ein Kirgise seinen Pick-up am Ufer parkte, nur um die gesamte Ladefläche in einen Rutsch den Fluten zu übergeben. Mit einem kaufkraftbereinigten BIP pro Kopf von 2611 US-Dollar gehört Kirgistan zu den ärmlichen Ländern der Erde. Es reiht sich hinter krisengebeutelten Ländern wie Pakistan ein. Uns ist bewusst, dass erst das Fressen und dann die Moral kommt. Man kann es ihnen also nicht verübeln. Dennoch war es traurig mit anzusehen, wie diese unfassbare Natur derartig verschmutzt wird.

Trotzdem, oder womöglich genau deshalb, sind die Kirgisen ein unheimlich sympathisches und gastfreundliches Volk. Gerade gegenüber uns Deutschen sind sie extrem aufgeschlossen, da viele von ihnen als Soldaten in der DDR stationiert waren. So eilte uns einmal ein aufgeregter Mann entgegen, der uns vollkommen euphorisch sein DDR-Tattoo zeigte. Ständig wurden wir daher zum Vodkatrinken eingeladen.

Um eine alternativlose Autobahnroute von Bischkek nach Karakol zu umgehen, fuhren wir eine kurze Strecke mit dem Zug. Schon nach der zweiten Haltestelle umzingelte uns eine riesige Großfamilie. Neugierig musterten uns mindestens zwanzig Kinderaugen, bevor sich die Familienoberhäupter in Form dreier Männer in Feinrippunterhemden zu uns setzten. Einer stellte sich als Ernst Thälmann vor, was mich wunderte. Schließlich handelt es sich dabei um einen ehemaligen KPD Vorsitzenden, der 1944 vermutlich auf direkten Befehl Adolf Hitlers erschossen wurde. So ganz verstanden wir nicht, was er damit sagen wollte, aber es ist ohnehin kein Thema mehr, als er von unserer Herkunft erfahren hatte. Lautstark rief der ganze männliche Teil der Familie Namen deutscher Fußballspieler, wobei ich mir bei der Hälfte nicht einmal selbst sicher war, ob sie tatsächlich für die Nationalelf spielen. Euphorie geschwängert werden Vodka- und Bierflaschen auf die Tische geknallt und der deutsche Fußball gelobt. Stilecht wird der Schnaps aus Sprudelgläser getrunken. Schwangere, Kinder, Männer, Frauen, Alle trinken sie mit. Die Kleinsten bekommen allerdings nur Bier. Ich sehne mich nach Wasser, da der der Zug durch die einfache Blechverkleidung im Inneren kocht. Aber zur Kühlung gibt es eben nur Bier, sodass wir völlig betrunken an unserer Station aussteigen. Im Gegensatz zum ursprünglichen Plan, heute noch einige Kilometer voran zu kommen, lassen wir den Tag am Strand des Yssykköls, dem zweitgrößten Bergsee der Erde, verstreichen.

Bastis Hand auf meiner Schulter reißt mich unsanft aus den Gedanken. Sebastian liegt ein weiteres Mal starr auf den Wiesenboden. Immerhin liegt er bequem, denn selbst auf dreitausend Metern findet man immernoch grüne Flecken. Angenehm scheint uns die Sonne auf die Bäuche, was Sebastians Lebensgeistern gut zu tun scheint. Gegenteilig wirkt sich der Blick auf den Pass aus. Man kann ihn zwar bereits erkennen, aber steile Rampen und noch mehr Latschen und grobe Felsbrocken lassen mich zweifeln, ob der Anblick Freude oder Angst auslösen sollte. So langsam kommen in mir Zweifel auf, ob der Abstieg ins andere Tal überhaupt besser aussehen wird. Die Vorstellung, nach so viel Quälerei bergauf keinen fahrbaren Meter bergab zu finden drückt auf meine Stimmung. Google Earth und wenige Wanderberichte stellten unser einziges Informationsmaterial dar. Militärkarten der UdSSR brachten auch keinen sonderlichen Mehrwert. Bergführer in Karakol erklärten uns darüber hinaus für verrückt und versicherten uns, dass wir nicht fahrend den Berg hinunterkommen würden. Basti bleibt allerdings optimistisch und treibt uns weiter an.

Nach neun Stunden erreichen wir auch tatsächlich den auf 3532 Metern gelegenen Alaköl-See. Es ist mir ein Rätsel, wie Sebastian in seinem Zustand diesen Aufstieg bewältigen konnte. Ich kann ihm daher auch nicht böse sein, als er in einem Moment der Unachtsamkeit die fast fertig gekochten Nudeln vom Kocher wirft. Heute schmecken sie jedoch auch vom Boden, nicht zuletzt, weil wir dabei den Sonnenuntergang hinter den über fünftausend Meter hohen Berggipfeln der Umgeben bestaunen können.

Schon am Yssykköl-See übertrafen sich die Sonnenuntergänge täglich, was besonders den rot schimmernden Lehmhügeln zu verdanken ist, die sein Ufer zieren. Immer wieder wichen wir von unserer Route ab, um einige dieser Hügel zu befahren. Angelegt wie eine Miniaturausgabe der Rampage, gehören diese Hügel mit zu dem Spaßigsten, das ich bisher befahren habe. Zumindest solange, bis Regenfälle den Lehm zu einer undurchdringlichen Masse verklebten.

Generell hatten wir häufig Pech in Sachen Wetter. Doch für den Aufstieg zum Alaköl-See scheinen wir genau das richtige Fenster erwischt zu haben. Auch am nächsten Morgen werden wir von Sonnenstrahlen geweckt. Der restliche Weg zum Gipfel wird nochmal steiler und nochmal loser. Aber heute ist die Motivation so überschwänglich, dass wir nahezu hinauffliegen. Spätestens beim Anblick der letzten Rampe kommt der Drang zum Sprinten auf. Als wir dann endlich auf dem Gipfel die Räder von den Schultern heben, offenbart sich uns eine Aussicht, die alles übertrifft, was ich je sehen durfte. Während der Alaköl-See zu unseren Füßen in nahezu unrealistischem türkisblau schimmert, werden wir von gletscherüberzogenen Bergriesen umringt.

So viel Glück scheint uns jedoch nicht vergönnt, weshalb das Wetter binnen weniger Minuten komplett kippt. Dichte, schwarze Wolken ziehen auf und entleeren sich in einem schmerzhaften Hagelschauer. Aber wirklich getrübt wird unsere Stimmung nicht, denn der Blick ins Tal offenbart einen kilometerlangen Trail, der sich handtuchbreit ins Tal schlängelt. Meine Finger sind beinahe gefroren, doch der Pfad verlangt nach anfänglichen fahrtechnischen Schlüsselstellen zunehmend nach mehr Geschwindigkeit. Plötzlich hält Basti an, da er sich einen Plattfuß eingefangen hat. Mitten im Hagel wechselt er unter unserem schallendem Gelächter den Schlauch. Wir zittern erbärmlich, doch allen steht ein grenzdebiles Grinsen im Gesicht. Diese Abfahrt entschädigt für Alles. Zweitausend Höhenmeter Traumtrail, der sich augenblicklich zu einem meiner Lieblingswege gemausert hat, führt uns zurück in die Zivilisation, als wir die heißen Quellen von Altyn Arashan erreichen. Es ist das Highlight unserer fünfwöchigen Reise und gleichzeitig der Abschluss des Abenteuers, der besser nicht hätte sein können.

Vodka mit Ernst Thälmann from 73fresh on Vimeo.