Ein Mountainbike Abenteuer aus dem indischen Himalaya

Die Hälfte von etwas bekommen klingt nach einem guten Kompromiss. Das trifft allerdings nicht zu, wenn es um den partiellen Sauerstoffdruck geht. In 5000 Metern Höhe beträgt dieser nur noch die Hälfte, so dass uns im indischen Himalaya alles schwerfällt: das Atmen, das Laufen, die Räder auf unseren Schultern. Gestartet sind wir noch auf regelrecht harmlosen 3500 Metern in Ladakhs Hauptstadt Leh. Doch von hier führt der Hunder Trek stetig bergauf gen Norden in das Nubra Tal. Vor uns liegt ein Pass mit 5400 Metern. Die Luft ist dünn und die Ausrüstung, die Sam, Sebastian und ich tragen, ist jeweils gute 30 kg schwer.

Warum wir all das auf uns nehmen? Weil wir im Vorjahr im kirgisischen Tian Shan Gebirge an der 4000er Marke gekratzt haben und nun noch höher hinauswollen. Am besten auf einen Sechstausender im gewaltigsten Gebirge der Welt. Die Region reizte uns besonders wegen des Potpourris aus Kulturen, Sprachen und Religionen und eben dieser faszinierend kargen Landschaft. So finden wir uns im (angeblich milden) August für fünf Wochen auf Bikepacking-Tour in Ladakh wieder.

Schnell, Spaßig, Saukalt

Wir wollten ja ein echtes Abenteuer und an Tag 3 begegnet es uns tatsächlich am höchsten Punkt des Hunder Treks. Zu unseren Füßen schimmert eine stattliche Gletscherzunge, die nun befahren werden muss. Angeblich gibt es keine Spalten, doch ein wenig mulmig ist uns beim Anblick der steilen, blitzenden Eisfläche schon zumute.

Leicht angetaut entpuppt sich der Auftakt als blanke Rutschpartie, doch mit offenen Bremsen gewinnen wir die Kontrolle zurück und mit jedem Tiefenmeter etwas mehr Sauerstoff und Mut. Wedelnd, als hätten wir Skier unter den Füßen, schneiden wir durch den Schnee. Hinter mir bricht Sebastian in Freudenschreie aus – was für eine verrückte Fahrt: schnell, spaßig und saukalt.

Zwei Wochen später ist die Gletschergaudi vom Hunder Trek in weite Ferne gerückt. Wir befinden uns mitten in einem Kampfanstieg. Der Weg zum Stok Kangri ist zäh und langwierig. Mit 6153 Metern ist er das höchste Ziel auf unserem Himalaya-Trip und schon der Aufstieg zum auf 4980 Meter gelegenen Basecamp ist anstrengend. Dazu werden wir fortlaufend von den leicht bepackten Touristen demotiviert, die mit ihren Guides und voll bepackten Lasteseln easy an uns vorbeiziehen. Ich versuche mir einzureden, dass wir sicher auch am Stok Kangri von einer Sensationsabfahrt belohnt werden.

Erst einmal erwartet uns aber ein bunter Trupp aus Indern, Pakistanis, Nepalesen, Tibetern und Touristen im Basecamp. Mit einer Mischung aus Ver- und Bewunderung überhäufen sie uns mit neugierigen Fragen. Was zur Hölle wir hier mit den Bikes machen würden? Wir erzählen von unseren Plänen – und es hagelt Spott. Doch wir sind zuversichtlich. Schließlich haben wir recherchiert: Der Stok Kangri soll ein Wander-6000er mit nur wenig Kraxelei sein.

Wie geschmiert

Zur Vorbereitung starten wir vom Camp auf einen Tages-Trip und genießen es, endlich einmal ohne Gepäck aufzusteigen. Dennoch brennen unsere Lungen bei jedem Atemzug. Die häufigen Pausen lassen uns aber wenigstens Zeit, das Naturspektakel ganz bewusst aufzunehmen – bis eine tiefschwarze Wolkenfront heranzieht. Urplötzlich sind wir in ein dichtes Schneegestöber gehüllt und unseren 500 Tiefenmeter-Trail überzieht eine unberechenbare Schmierschicht. Durchnässt, durchgefroren, aber durch und durch euphorisch landen wir im Camp.

Im Küchenzelt belohnen wir uns mit einem Çay und der täglichen Ration Nudelsuppe. Als wir mit Bergsteigern ins Gespräch kommen, die am Morgen zum Gipfelsturm auf den Stok Kangri aufgebrochen waren, schwindet unsere gute Laune. Sie mussten die Besteigung abbrechen, weil die letzten 400 Höhenmeter von einer so spiegelglatten Eisschicht überzogen waren, dass sie selbst mit Steigeisen nicht zu bewältigen war. Besorgt hören wir zu. Unser Abreisedatum rückt unaufhaltsam näher, weshalb wir nicht auf bessere Bedingungen warten können.

Trotz der widrigen Umstände gehen wir also am nächsten Morgen den steilen Aufstieg an. Schnell beginnt das gewohnte Klagen der Lungen. Wie wird das wohl werden? Eine Antwort von oben brauchen wir nicht erwarten. Der Gipfel hüllt sich m­­ysteriös in ausgefranste Wolken, als könne sich das Wetter nicht zwischen Gut und Böse entscheiden. Wir schwanken zwischen Hoffnung und Zweifel, wobei der Zweifel Schritt für Schritt die Oberhand gewinnt. Schon auf 5300 Metern sind die Felsen leicht mit Schnee gezuckert.

300 Höhenmeter (und einige Stunden) später kommt uns auf einer Gletscherzunge ein Bergsteiger-Paar entgegen und sorgt für frustrierende Gewissheit: das Glatteis hat sich gehalten. Sie haben den Aufstieg nicht einmal mit Eispickeln gewagt. Wir gehen niedergeschlagen in die Knie. Wir wollten so sehr auf diesem Gipfel stehen.

Dann bläst der Wind den Stok Kangri von seinem Wolkenkleid frei. Der Gipfel baut sich in all seiner Pracht und Größe vor uns auf. Er scheint nur einen Steinwurf entfernt. Ganz plötzlich wandelt sich unser Frust in Faszination. Die eingeschneiten, schimmernden Hänge, die eisüberzogene Ostflanke, das gewaltige Panorama ringsum: Alles scheint sich größte Mühe zu geben, uns in Erstaunen zu versetzen. Eine Welle von Ehrfurcht und Dankbarkeit überspült uns. Wieso wegen einem Gipfel hadern, wenn uns ein solches Erlebnis gegönnt ist?

Wir haben es schon beim Aufstieg gedacht und tatsächlich entpuppt sich der Pfad hinab zum Camp als feinstes Bike-Material. Kein Trailbauer hätte den in die steilen Felsflanken geschlagenen Weg besser anlegen können. Gierig rollen wir hinab und rauschen am Ende durch eine weglose Schotterflanke. Die Leute klettern aus ihren Zelten, zücken ihre Handys und filmen unsere Einfahrt. Einige Guides klopfen uns eifrig auf die Schulter und laden uns zu einem köstlichen indischen Abendessen ein. Wir grinsen uns an. Was waren das für unglaubliche Wochen? Ein Abenteuer gefüllt mit so vielen Highlights – höher als irgendein Gipfel hätte sein können.